Die Sache mit dem Lycra

„Mamil“ für „middle-aged men in lycra“, so werden ja Menschen verspottet, die in Funktionsklamotten auf Rädern durch die Stadt heizen.
Wie kommt es eigentlich dazu?

Der Blick in den Kleiderschrank

Auch bei mir selbst beobachte ich, zwar nicht mit Sorge, aber doch aufmerksam, dass sich in meinem Kleiderschrank inzwischen mehr Sachen stapeln, die eindeutig der Funktion nach zum Radfahren gehören.

Wieso ist das so und warum lästern da eher jüngere Menschen drüber?

„Dress for the target“ ist das modische Schlagwort aus den Niederlanden und auch aus Kopenhagen und eigentlich würde ich das auch gerne so betreiben wollen. Aber es gibt da ein paar deutliche Unterschiede, die bei so ziemlich jedem Stadtradler mit mittlerer bis langer Arbeitstrecke gewissermaßen den Weg in eine, zumindest teilweise, Funktionsklamotten-Zukunft führen.

Ich bleibe bei meinem eigenen Beispiel:

20 km eine Strecke Arbeitsweg

Natürlich kann ich auch 20 km im Businessanzug durch die Stadt radeln. Glücklicherweise verlangt es mein Job nicht und es wäre auch nicht wirklich irgendwie praktisch.
Zuerst bin ich auch einfach mit Jeans und T-Shirt in den Sinnenaufgang geradelt. Soweit okay.

An den warmen Sommertagen begann die Jeans dann aber doch mal zu kleben und zu scheuern und ich musste sogar mit dem Radfahren aussetzen um die aufgescheuerte Stelle am Oberschenkel ein wenig auskurieren zu können.
Also kam die erste, und bald darauf noch mehr , kurze Fahrradhose in den Schrank, ergänzt mit ein paar Laufhosen, die man bei kühlerem Wetter einfach unter die kurze Hose anzieht .

Schon war ich beintechnisch beim Fahrradkurier angelangt. Und hatte keine aufgescheuerten Stellen mehr.

Die Sache mit dem Wetter

Wenn man dann auch andauernd fährt, kommt dann irgendwann auch das Wetter dazu: Eine ganze Stunde im Regen mit der Jeansjacke zu fahren macht schon vom Gedanken her keinen Sinn, also kamen Sachen für echte Regentage dazu.
Das nächste war dann eine Rad-Jacke für den Winter dran, die ist nämlich hinten länger als normale Jacken und damit klasse für die ja immer leicht nach vorn geneigte Haltung auf dem Rad.

Nein. Darunter tummeln sich meist total normale Sachen, auch wenn sich im laufe der Zeit gezeigt hat, das ein Laufshirt als Baselayer im Winter echt gut kommt.

Jetzt noch Schuhe!

Da mein linkes Bein, durch ein gesundheitliches Problem, ein wenig „kraftloser“ als das andere ist, musste an dieser Baustelle auch noch eine Lösung gefunden werden: Zuerst habe ich SPD-Pedale ausprobiert, dass war einerseits gut, gefiel mir aber andererseits nicht so gut, weil die Schuhe nicht taugen, um damit den ganzen Tag herumzulaufen. Also bin ich bei MTB-Schuhen mit härterer Sohle gelandet.
Die Kraftübertragung funktioniert links so hinreichend besser, dass es dort keine Schmerzprobleme mehr gibt.

Und siehe da: Radklamotten von Kopf bis Fuß.

Älter als ihr

Wenn man was in den bisher 35 Berufsjahren gelernt hat, dann das falsche Klamotten und billiges Werkzeug einem den ganzen Arbeitstag vermiesen können.
Keiner von euch nimmt einen Anorak mit in die Sauna bloß weil es schick ist oder schwimmt im Businessanzug ein paar Bahnen („Dress for the target“) bloß weil er hinterher noch ein Meeting hat. Oder doch?

Wäre mein Arbeitsweg nur 4 oder 5 km lang, könnten wir darüber noch einmal reden.
Für mich wäre es aber einfach unpraktisch.

Entfernung und ÖPNV

Der Unterschied, warum in Berlin Radfahrer oft nach Radfahrern aussehen und woanders nicht, liegt also oft einfach an der Strecke und an der mangelnden Möglichkeit mit dem ÖPNV und dem Rad zuverlässig ans Ziel zu kommen:
Wenn es, wie in Kopenhagen z.B. keine Umstände macht mit dem Rad in einen Zug zu steigen und diese häufig und zuverlässig unterwegs sind, könnte man bei Regen doch auf die Regenklamotte verzichten und den größten Teil Bahn fahren.
Wir haben aber die Berliner S-Bahn, deren „Verzögerungen im Betriebsablauf“ (zumeist am Feierabend) mich überhaupt erst endgültig auf das Rad getrieben haben.

Eine ganze Menge Berliner, mich eingeschlossen, hat auch nicht den Luxus eines kurzen Weges, sondern wir kommen vom Stadtrand.
Je länger die Strecke, desto weniger nützlich ist fahren in „Büroklamotten“, die muss man da dann eh wechseln.

Und da bin ich nun: Rund 100 kg Radfahrer in Radklamotten.
Ich fahre keine Tour de France mehr. Radfahren ist in der Hauptsache auch kein Sport für mich. Aber Klamotten die mich dabei unterstützen finde ich gut.

Jüngere Menschen mögen darüber lästern, allerdings ficht mich sowas eher nicht an:
Das Weltbild der „jungen, schlanken Menschen“ die sowas ausschließlich tragen sollten, teile ich nicht. Es besteht ja grundsätzlich aus einer diskriminierenden Haltung gegenüber weniger wohlgeformten Menschen.
Dazu braucht man nur in den Laden gehen und die Kleidergrößen nachmessen… in einem Laden passt einem M, im nächsten muss man XL nehmen.

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

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