Deutschlands Autosucht (1) – Eine Bestandsaufnahme

Das Auto ist die heilige Kuh vieler BundesbürgerInnen, oder vielleicht besser das goldene Kalb um dass die Wirtschaft, Politik und viele BundesbürgerInnen sich versammeln um etwas zu verehren, dass sie langfristig zerstört.

Der Blick aus dem Fenster

Wie die meisten Menschen stehe auch ich morgens auf und öffne dann irgendwann ein Fenster , oder gehe in meinem Fall auf den Balkon, um zu prüfen wie groß die Überschneidung von Wetterbericht und realem Wetter wohl heute ist.
Was ich dabei als erstes erblicke sind eher selten zwitschernde Vögel oder der Revierkater, der sie Straße überquert, sondern Autos.
Geparkte Autos, fahrende Autos und oft auch hupende Autos, im Winter das Geräusch von Standheizungen, laufende Motoren und nicht zuletzt das ewige Hintergrundgeräusch der kilometerweit entfernten Autobahn.

Wenn man innerhalb Deutschlands nicht mit in einem abgelegenen Naturschutzgebiet steht, wird man immer ein Auto sehen oder hören.
Allerdings schützen auch verbotene Gegenden wie Naturschutzgebiete nicht davor unversehens im Wald einem Auto zu begegnen, denn der Homo Automobilensis nimmt sich grundsätzlich schon das Recht überall durch zu fahren, wo ein Auto durchpasst.
Man zahlt ja „Steuern“ und die StVO ist bei vielen (nicht allen) nur noch als eine Erinnerung an ein Hindernis bei der Führerscheinprüfung im Gedächtnis. Wer sich kein Auto leisten kann, soll doch U-Bahn fahren!

Zwar wird mittlerweile über autofreie Innenstädte und Tempolimits diskutiert, aber die Wahrheit lautet, frei nach James Brown: This is a car’s world. Und das bis in die hintersten Winkel unserer Gepflogenheiten und Gehirne. Entfernungen machen wir uns in „Autostunden“ begreiflich. Sprachlich geben wir im Berufsleben „Gas“ und schalten im Urlaub „einen Gang runter“. In Zeitungen werden Unfallmeldungen zu schuldlos überrollten Passanten mit Überschriften wie „Kind gerät unter Auto“ oder „Radfahrerin stürzt in abbiegenden Lkw“ versehen. Stirbt jemand ohne eigenes Zutun, fehlt nicht der Hinweis, das Opfer habe leider keinen Helm getragen. Irgendwie doch selbst schuld.

Meine Radikalisierung, Die Zeit

(Fast) kein Wetterbericht vergeht ohne Hinweise für motorisierte Verkehrsteilnehmer, es gibt Meldungen über von Autos überfüllte Straßen und Anweisungen an welchem Ort es heute ungünstig wäre, sich wie üblich nicht an die Verkehrsregeln zu halten in jedem bekannten Medium.

Winter, Regen, Kälte… Wetter allgemein ist nicht einfach mehr Wetter, sondern wird z.B. zum „Schneechaos“, wobei das Chaos eben nicht durch den Schnee entsteht, sondern eher durch die Unzulänglichkeiten der FahrerInnen in ihren Autos.
Wenn ich Bilder sehe, wie Autos eine vollgelaufene Unterführung durchqueren wollen und dann in der Mitte absaufen, erstirbt bei mir jedenfalls die Empathie für diese Menschen.

Unendliches Verständnis

Gerade als Mensch, der eben nicht mit dem Auto zur Arbeit fährt, erfährt man fast allerorten auch noch eine Ungleichbehandlung am Arbeitsplatz:
Kommt man mit der Berliner S-Bahn in die Firma und ist „wegen Verzögerungen im Betriebsablauf“ 5 Minuten zu spät, schallt einem entgegen, man solle doch einfach einen Zug früher nehmen.
Kommt man 15 Minuten mit dem Auto zu spät, weil „der Verkehr heute wieder schlimm war“ („ich musste kratzen…“, „habe nur eine Parkplatz am Ende der Welt gefunden (200m weiter, Anm. der Redaktion))“, klopfen einem die Kollegen aufmunternd auf die Schultern. Der arme Mensch kann ja nichts dafür… der Verkehr, die böse Welt!

Das meiste Verständnis sollen aber grundsätzlich alle anderen Menschen haben, wenn ein Homo Automobilensis etwas verkehrt macht, egal die Geschwindigkeitsübertretung oder das Falschparken ist:
Man habe/wolle es ja eilig/nur mal schnell…

Ich stelle mir dann immer folgende Szene vor:
Ein schöner Sommertag. Perfektes Badewetter. Ich gucke mir irgendwo ein Haus mit Pool aus, hopse über den Zaun und lasse die Luftmatratze im Pool zu Wasser, lege mich drauf und genieße das Wetter.

Wenn ich es überhaupt bis zu dem Punkt geschafft habe, mich auf die Luftmatratze zu legen, stehen aber jetzt spätestens die Pool-BesitzerInnen am Beckenrand und es entspinnt sich ein wohlbekannter Dialog:
PB: „Was machen sie da in meinem Pool?“
Ich: „Ich genieße nur mal eben kurz die Sonne an diesem schönen Tag.“
PB: „Sie liegen aber in meinem Pool…“
Ich: „Och… nun seinen sie mal nicht so unwirsch… Hier ist doch noch jede Menge Platz, da passen sie ja auch noch rein!“
PB: (ruft die Polizei)
Polizist: „Ja gut, der liegt da jetzt in ihrem Pool, aber da ist ja wirklich noch genug Platz. Den nehmen wir nicht mit, den verwarnen wir nur…“
PB: (sticht mit einem Messer ein Loch in die Luftmatratze)
Polizist: „Das ist Sachbeschädigung, dass gibt jetzt eine Anzeige!“

NATÜRLICH ist das ein Extrembeispiel, aber so fühlt man sich eben als Radfahrer im Verkehr häufig.
Man ist im Recht, der andere im Unrecht, was ihn kaum kümmert, denn selbst wenn man es zur Anzeige bringt, hat es keine Folgen.
Deshalb ist unser Verkehr auf den Straßen so wie er ist. Eine Summe aus all den nie verfolgten Kleinigkeiten die zum Gewohnheitsrecht mutierten.

Drei Viertel aller Neuwagen in Deutschland sind nachtschwarz, regengrau oder nebelweiß – während Fußgänger und Radfahrer sich mit Reflektoren ausstaffieren und bepolstern, sobald sie im Dunklen das Haus verlassen. Als gingen sie einem Extremsport nach. Dabei wollen sie nur zur Schule, zur Arbeit oder kurz mit dem Hund raus, der inzwischen auch Leuchtweste trägt.

Meine Radikalisierung, Die Zeit

Das letzte krasse Beispiel für dieses unendliche Verständnis für die LenkerInnen von LKW- und PKW-FahrerInnen stand erst vorgestern im Berliner Tagesspiegel und sollte eigentlich jeden sprachlos machen:

Der Lkw-Fahrer ist sehr langsam abgebogen und hatte zuvor noch Fußgänger passieren lassen, heißt es bei der Polizei unter Berufung auf Zeugenaussagen. Den Rollstuhlfahrer habe der Lkw-Fahrer dann frontal erfasst, weil er ihn direkt vor seinem Fahrerhaus wohl nicht bemerkt habe. Allerdings ist auch dieser Bereich vom Steuer aus einsehbar, sofern der betreffende Spiegel – der ist in der Mitte oder rechts über der Frontscheibe angebracht – korrekt eingestellt ist und der Fahrer angesichts von insgesamt sechs Außenspiegeln plus Verkehrsgeschehen vor seinen Scheiben es schafft, den Überblick zu behalten.
Das ist an der Unfallkreuzung besonders schwierig, weil sich direkt davor in der Klosterstraße auch noch eine BVG-Haltestelle befindet, von der aus sich Bus von ganz rechts in die mittleren Geradeausspuren drängeln müssen.

Lkw überfährt Rollstuhlfahrer beim Abbiegen, Der Tagesspiegel

„..und der Fahrer angesichts von insgesamt sechs Außenspiegeln plus Verkehrsgeschehen vor seinen Scheiben es schafft, den Überblick zu behalten.“
Hoffentlich schafft es der Feuerwehrmann auch den Schlauch auf das richtige Haus zu halten, wenn es beim Tagesspiegel brennt!
Ein LKW-Fahrer hat eine spezielle Ausbildung (zum LKW-Führerschein) erhalten und MUSS in der Lage sein die Übersicht zu behalten!

Der Text gibt genau wieder woran es gescheitert ist: Der Fahrer hat, nachdem er die Fußgänger passieren ließ, offenbar nicht nochmal in den Spiegel geguckt, sondern ist losgefahren.

In der ganzen Nachricht gibt es mit keiner Zeile Mitleid für den Rollstuhlfahrer, nur Verständnis für einen „überforderten“ LKW-Fahrer.

Fazit

Der Homo Automobilensis wird in allen Belangen bevorzugt und genießt eine Unzahl an scheinbaren Privilegien.
Das hat sich so tief eingenistet, dass sich die meisten Menschen dessen nicht mehr wirklich bewusst sind.
Es fehlt ein Perspektivwechsel, wie sie z.B. im unten verlinkten Podcast geschildert wird, in dem einem Autofahrer bewusst wird, was eigentlich falsch läuft im Verkehr.

Menschen, die geistig, physisch oder auch aufgrund ihrer räumlichen und zeitlichen Struktur abhängig vom Auto sind – das ist ja keine Freiheit, sondern Unfreiheit.

Herrmann Knoflacher, Professor an der Technischen Universität Wien

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

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