Deutschlands Autosucht (2) – Entzug

Es gibt einige Anzeichen dafür, dass das Fahren eines Automobils zu einer Sucht werden kann, von der man entwöhnt werden muss.
Es gibt z.B. Bücher die einem beim Entzug helfen…

Für alle, die den Artikel ohnehin nicht zu Ende lesen:
Nirgendwo in diesem Text steht, dass gleich ab morgen früh alle Wege nur noch mit dem Fahrrad zu bestreiten sind.
Das vorhandene Auto dürft ihr auch gerne behalten, aber es gelten Regeln dafür, umgangssprachlich „StVO“ genannt.
RadfahrerInnen fahren nicht alle bei Rot und Autos halten auch nicht immer bei Rot.

Selbsthilfe-Literatur

Wir alle kennen Bücher, die einem zu einem besseren Leben verhelfen sollen, wie etwa das seit Jahren weltbekannte „Endlich Nichtraucher“ von Alan Carr, einem Klassiker der Selbsthilfe-Literatur.

Es ist bei vielen Dingen also relativ leicht zu erkennen, dass sie in irgendeiner Form möglicherweise negative Auswirkungen auf den Menschen selbst haben, wenn es solche Literatur gibt, die einem hilft, dieses „Laster“ abzustellen.
Es ist einzig die Frage ob die vorgeschlagene Alternative auch wirklich gesund ist und das eigene Leben verbessern kann.
Gerade im Bereich der Ernährung und Gesundheit gibt es ja auch recht viele Ratgeber, die mindestens als Irrweg, wirkungslos oder gar gefährlich gelten müssen.

Trotzdem ist allen gemeinsam, dass sie versuchen irgendein Übel zu bekämpfen, wie etwa Rauchen, Übergewicht oder eben auch Autofahren.

#Einfach Autofrei Leben von Heiko Bielinski ist so ein Buch, welches sich darin versucht AutofahrerInnen Alternativen zum bis dahin erlernten Verhalten zu geben, also etwas anderes zu tun als mit 2 t die 500 m zum Bäcker zurückzulegen und die Welt neu für sich zu entdecken.

Verlorene Fähigkeiten

Autofahren, so lerne ich als Alltagsradler vor allem aus dem Buch, hat offenbar etwas mit verlorenen Fähigkeiten oder Kenntnissen zu tun, denn über viele Seiten geht es dort um Hinweise zur Benutzung und Buchung von Car-Sharing-Diensten, Zugfahrkarten und ÖPNV-Zeitkarten.
Dinge von denen ich zumindest annahm, dass auch AutofahrInnen sich, zumindest in ihrer Umgebung, der Existenz jener Dienste bewusst sind und über eine oberflächliche Ahnung ihrer Nutzung verfügten.
Offenbar ist dem nicht so.

Das verstärkt die Ahnung eines Suchtverhaltens, denn die einfachste Lösung erscheint dann immer die Nutzung des Autos, während schon das Rad aus einem Hauskeller zu holen eine unüberwindbare Hürde zu sein scheint.

Preis der Bequemlichkeit

Doch man tauscht die scheinbare Bequemlichkeit auch mit vielen Dingen, die die meisten AutofahrerInnen stur ausblenden und nicht wahrhaben wollen:
Das Auto verursacht hohe Kosten für den eigenen Haushalt, nicht nur in finanzieller Hinsicht:
Es kostet auch Frei- und Lebenszeit, weil man auf der Suche nach einem Parkplatz ist, im Stau steht, sich um Winterreifen und Werkstatttermine kümmern muss, zur Tankstelle muss etc. Immer ist irgendwas mit dem Auto.

Natürlich: Mein Fahrrad/Pedelec geht auch in der Regel zweimal im Jahr zur Wartung und braucht sonst meist nur ab und an mal etwas Luft.
Der „Parkplatz“ im Fahrradkeller (und im Büro) ist stets vorhanden, Staus weitgehend unbekannt.
Der finanzielle Impact des Rades sind bei mir etwa 350 €/Jahr (ca. 100 € für eine „Vollkasko“-Radversicherung, der Rest für die Wartungen mit Ersatz von Verschleißteilen). Bei durchschnittlich etwa 10000 km/Jahr als 0,035 €/km.
Das Pedelec hat sich auch einen Einfluss auf dem heimischen Stromverbrauch, allerdings habe ich den in den vergangenen Jahren nicht merkbar identifizieren können.

Zum Vergleich: Eine Berliner Umweltkarte für die Tarifbereiche AB (Berlin) kommt bei jährlicher Einmalzahlung (preisgünstigste Variante) 728,00 €.
Mit dem Rad habe ich Tarifgebiet C (Umland) noch ohne Aufpreis dazu.

Die IKEA-Lüge

Für die Familie des Autors war eine Kernfragen bei der Abschaffung des Familienautos die Frage: „Können wir noch spontan zu IKEA?“

Es mag natürlich Wohnorte geben, von denen aus keine wirklich praktische Alternative zum Auto bestehen mag, weil der IKEA-Markt selbst irgendwo nahe einer Autobahnabfahrt auf der grünen Wiese in einer Rad- und ÖPNV-Diaspora liegt, aber darüber hinaus verstehe ich als schon ewig autoloser Mensch die Frage an sich nicht:
Sofern der Laden geöffnet ist, kann ich da auch hin. Auch spontan.

Ich gehe auch mal davon aus, dass der spontane Kauf einer kompletten Küchenzeile oder eines kompletten Schlafzimmers auch bei euch nicht so wirklich zu den Dingen gehört, die einem bei IKEA so passieren…

Und wenn doch etwas zu groß, breit oder schwer ist, um es im ÖPNV oder auf dem Rad mitzuführen, dann lasse ich es einfach liefern…
Die Kosten dafür (entfernungsabhängig) liegen weit unter dem was der Unterhalt eines Autos im Jahr kostet und die Lieferanten tragen den Kram bis in die Wohnung. Da quetsche ich doch nicht alles erst mühsam ins Auto und schleppe es dann noch die Treppen hoch…

Die neueste Variante ist das in vielen Filialen vorhandene Lastenrad mit Anhänger, welches kostenlos für den Transport zu haben ist.
Meine Frau rollt stets mit den Augen, wenn wir IKEA (nun schon leider eine Weile nicht mehr) besuchen und ich sie frage : „Können wir einen Schrank kaufen?“. Ich will ja bloß mal das Rad ausleihen…

Die generelle Transport-Lüge

Transporte generell werden ja gerne zur Begründung herangezogen, wenn belegt werden soll, dass „man auf das Auto angewiesen sei“.

Man müsse die Kinder mit dem Auto in die Schule/Kita/Geigenunterricht/Verein fahren, ist so eine Variante, auch weil „der Verkehr viel zu gefährlich ist“ und man es „sonst nicht schafft“.
Der Elterntaxi-Verkehr und Autos selber sind „der Verkehr“ der „viel zu gefährlich ist“. Man „schafft“ es durchaus unter anderem auch deshalb nicht anders, weil man mit dem Auto im Stau steckt und nicht vorankommt.
Spätestens Schulkinder finden ganz locker alleine in die Schule und auch z.B. in den Fußballverein um die Ecke.

Das gilt natürlich nicht für abgelegene, ländliche Gegenden aber selbst dort gibt es oft auch einen Schulbus.
Übrigens fühlen sich fast alle AutofahrerInnen, als lebten sie in solchen Gegenden, wenn es um die Begründung der Autonutzung geht.

Gerne werden auch krankheitsbedingt weniger gut mobile Verwandte, die unbedingt zum Arzttermin gebracht werden müssen, zur Begründung an geführt. Natürlich kann/soll das Auto dafür genutzt werden!
Doch genauso wie Getränkekisten und Kühlschranktransporte ist das nichts, was eine privates Automobil jeden Tag zu erledigen hat!

Jeden Tag fahren die meisten mit ihrer Stullenbox und sich selbst alleine zur Arbeit und zurück.
Das ist und bleibt die häufigste Verwendung eines privaten PKWs. Mehr nicht. Einmal die Woche einkaufen.
Auch der spontane Wochenendausflug „ins Grüne“ findet nicht so häufig statt, wie es AutofahrerInnen glauben möchten, dazu genügt in jeder größeren Siedlung der Blick aus dem Fenster auf die Parkplätze vor der Tür.

Wer sein Auto, vielleicht als Staubsaugervertreter, beruflich nutzt und damit herumfährt, gehört zum gewerblichen Verkehr, wie auch Handwerker im Fahrzeug ihrer Firma. Keine Frage, dass viele Jobs ohne Kraftfahrzeug derzeit nicht möglich sind.

Die Schwierigkeit des Entzugs

Wer immer nur mit dem Auto fährt, dem fehlt dringend der Wechsel der Perspektive um zu erkennen, dass viele Dinge vielleicht anders leichter, gesünder oder vielleicht sogar mit mehr Spaß zu erledigen sind, wenn man das Auto mal stehen lassen würde.

Oft erlebt man aber schon im ÖPNV vorurteilsbehaftete AutofahrerInnen, die außer Sätzen die mit „mit dem Auto…“ keine anderen zu kennen scheinen und so schon von Beginn an als Spaßbremse für die restliche Familie wirken. Dann wird das auch kein Spaß oder Abenteuer.

Wenn man nicht mit einem Auto, mit meist mehr als der erlaubten Geschwindigkeit, durch die Stadt oder das Land braust, gibt es viele kleine Dinge zu entdecken, die einem aus dem Blechkasten heraus total entgehen.
Ein Autofahrer fährt auch in der Stadt (hoffentlich) in das Parkhaus einer Mall und möglichst in einer Stunde (solange ist das meistens kostenlos) wieder raus ab nach Hause.

AutofahrerInnen halten eben nicht noch vor einem der kleinen anderen Läden in der Innenstadt und kaufen sich spontan einen Hut, sie rasen förmlich daran vorbei.
RadfahrerInnen und FußgängerInnen nehmen ihre Umgebung schon wegen der geringeren Geschwindigkeit wahr und entdecken mehr Details in ihrer Umgebung, halten an und sind die eigentlichen Kund(en)Innen der Innenstadt.

Solange man also als AutofahrerIn immer nur darüber redet, was alles nicht geht, ist man Teil des Verkehrsproblems und hat noch nie wirklich versucht mal was anderes auszuprobieren.
Wahrscheinlich besichtigt man dann auch gerne im Urlaub Venedig vom Speedboat aus…

Und auch wenn im Buch #EinfachAutofreiLeben aus meiner Sicht das „Methadon-Programm“ Car-Sharing viel zu viel Raum einnimmt, kann es vielleicht diesen AutofahrerInnen mal Möglichkeiten aufzeigen, was die Welt da draußen noch so zu bieten hat.

Das Problem daran:
Es kauft niemand dieses Buch, der nicht gedanklich und/oder praktisch einen oder mehrere Schritte in diese Richtung gemacht hat.
Alle anderen würden es auch geschenkt eher ins Bücherregal stellen. Gleich neben „Endlich Nichtraucher“.

Quellen:

Author: Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

Peter Wendel

"If you think you are too old to rock'n'roll then you are..." Lemmy Kilmister

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